Redebeiträge 9. März 2016

Flyer und Redebeiträge vom 9. März 2016 als pdf.

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Stellungnahme einer Kollegin

» Nach 1260 Stunden Unterricht können primäre und funktionale Analphabeten unmöglich ausreichend alphabetisiert sein, um längere Texte auf B1-Niveau in deutscher Sprache oder auf dem Niveau des O-Kurses (politischer Orientierungskurs für den Einbürgerungstest) zu lesen, geschweige denn lösen zu können! „Stellungnahme einer Kollegin“ weiterlesen

Redebeitrag von BASTA! Erwerbsloseninitiative Berlin Wedding

» Wir als Erwerbslose der Basisorganisation Basta unterstützen eure Forderungen nach einer besseren Bezahlung und einem erleichterten Zugang von Geflüchteten zu euren Kursen. Wir wissen um die Hungerlöhne in der Branche, einige eurer Kolleg_innen waren bereits in unserer Sozialberatung – einige eurer Schüler_innen bestimmt auch. Die Bezahlung von Dozent_innnen ist unterirdisch und strotzt vor Verachtung allen Menschen gegenüber, die diese Sprache vermitteln und denen, die sie versuchen zu lernen. „Redebeitrag von BASTA! Erwerbsloseninitiative Berlin Wedding“ weiterlesen

Offener Brief: Mehr und bessere Integrationskurse – Ohne prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mit guten Lernbedingungen

Offener Brief an den Bundesinnenminister Thomas de Maizière
Berlin, 9. März

Mehr und bessere Integrationskurse
Ohne prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mit guten Lernbedingungen

Wir Deutschdozent*innen protestieren gegen die schlechten Arbeits- und Lernbedingungen in Integrationskursen und in berufsbezogenen Deutschkursen

Sehr geehrter Herr Minister de Maizière,
weit mehr als 20 000 Dozent*innen arbeiten derzeit im Auftrag Ihres Ministeriums bundesweit bei rund 1450 Bildungsträgern (für Volkshochschulen, Vereine, Wohlfahrtsträger, GmbHs etc.) in Integrationskursen. Wir haben akademische Abschlüsse, erteilen professionellen Sprachunterricht und leisten Integrationsarbeit in heterogenen Gruppen mit Menschen verschiedener Muttersprachen, Herkunftsländer und Altersgruppen, mit und ohne Schul- und Sprachlernerfahrung, teilweise traumatisiert und in problematischen Lebenssituationen.
Ihr Ministerium bezeichnet Integrationskurse als Kernstück der Integrationsanstrengung und als zentrale Aufgabe für unsere Gesellschaft. Geleistet jedoch wird diese Aufgabe von Dozent*innen, die aufgrund prekärer Arbeitsbedingungen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Die Bildungsträger erhalten ihre finanzielle Zuweisung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das Ihrem Ministerium untersteht. Das BAMF gibt die Richtlinien über die Kursformate und -inhalte sowie die Zugangsberechtigung vor, regelt das Anforderungsprofil für die Dozent*innen und macht Vorgaben über die Höhe der zu zahlenden Honorare. Aber in den Vorgaben sind keinerlei Mechanismen vorgesehen, die es den Dozent*innen ermöglichen würden, ihre eigenen Interessen zu vertreten und ihre inhaltliche Expertise einzubringen.
Wegen der geringen finanziellen Zuweisungen an die Bildungsträger haben wir als  Dozent*innen (fast) keinen Verhandlungsspielraum. Daher arbeiten die allermeisten von uns gezwungenermaßen als (Schein-) Selbständige zu Armutshonoraren um die 23,00 Euro brutto pro Unterrichtseinheit. Davon müssen wir den vollen Betrag der Sozialabgaben (Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung) bezahlen. Für die meisten von uns gibt es keine Honorarfortzahlung im Krankheitsfall oder während Kursferienzeiten.
Bei einem vollen Lehrdeputat von etwa 25 Unterrichtsstunden pro Woche bleiben nach Abzug der Einkommenssteuer und der Sozialabgaben monatlich rund 1200 € übrig. In den Kursferien entfallen die Einnahmen, die Sozialversicherungsbeiträge müssen selbstverständlich weiter gezahlt werden. Unterrichtsvorbereitung, Kursorganisation, Besprechungen, Anfahrtszeit und –kosten sowie Buchhaltung werden nicht vergütet.
Nur bei den wenigsten Trägern gibt es Dozent*innen-Vertretungen o.ä.. Im Falle von Konflikten mit Trägern oder Teilnehmer*innen droht oft der Verlust des Arbeitsplatzes.
Wir Dozent*innen im Integrationsbereich arbeiten de facto im Auftrag Ihres Ministeriums. Unsere direkten Vertragspartner sind de jure aber die Bildungsträger, auf die so die Verantwortung für unzureichende Bezahlung und fehlende soziale Absicherung abgewälzt wird.„Wir schaffen das!“ – Aber wie? Wir möchten den Menschen, die derzeit getrieben von Krieg und Perspektivlosigkeit nach Deutschland kommen, durch unsere professionelle Arbeit der Sprachvermittlung die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Bereichen erleichtern.
Die Neuregelungen für Integrationskurse, die das BAMF im Kontext der sogenannten Flüchtlingskrise vorgenommen hat, sind u. E. völlig unzureichend und weisen in die falsche Richtung: Die kürzlich beschlossene Erhöhung der Trägerpauschale von gerade einmal 16 Cent pro Teilnehmerstunde ist ein Hohn! Die Anforderungen einer Zusatzqualifizierung für Lehrkräfte (auch in Alphabetisierungskursen) auszusetzen, die Finanzierung der Kinderbetreuung für Integrationskurse zu streichen und die Teilnehmerzahl in den Kursen zu erhöhen, senkt die Kursqualität und verschlechtert weiter unsere Arbeitsbedingungen.
Es braucht hierzulande mehr Deutschkurse für Zuwander*innen. Mit dem aktuellen Konzept der Integrationskurse wird den Interessen und der spezifischen Lern- und Lebenssituation vieler Zuwander*innen jedoch nicht Rechnung getragen. Dies gilt insbesondere für Geflüchtete. Es müssen ausreichende, auf die Bedürfnisse zugeschnittene und flexible Kursangebote, auch für Menschen mit unterbrochenen Bildungsverläufen, mit realistischen Abschlüssen geschaffen werden.
Und für diese Deutschkurse braucht es qualifizierte Dozent*innen. Angesichts der prekären Arbeitsbedingungen überrascht es jedoch nicht, dass es für die Träger immer schwieriger wird, entsprechende Dozent*innen zu finden.
Wir fordern:
• Tarifgebundenen Angestelltenstatus wie Sprachlehrer*innen an staatlichen Schulen oder bei Freiberuflichkeit
60 Euro pro UE plus eine Beteiligung der auftraggebenden Einrichtungen an den
Sozialversicherungsabgaben!
• Flexiblere Kursformate und unbürokratischen Kurszugang auch für Geflüchtete!
• Fachliches Mitspracherecht der Dozent*innen bei Kurskonzeption, Kursinhalten und Prüfungen!

Sprechen Sie mit uns!
Mit freundlichen Grüßen
Dozent*innen der Freien Träger (freiedozentinnen@gmail.com)
Aktionsbündnis DaF Hannover (info@ab-daf-h.de)
Arbeitsgruppe Heidelberg (j.kuhn@studiolingo.com)
Arbeitskreis Weiterbildung der GEW Bielefeld (gew-bielefeld@gmx.de)
Bonner Offener Kreis DaF/DaZ-Lehrkräfte (BoK, bonner.offener.kreis@gmail.com)
DaF-Dozentinnen Reutlingen (rilling.stanislava@gmail.com)
DaZ-Netzwerk (daz.netzwerk@googlemail.com )
Osnabrücker Initiative Deutsch als Zweitsprache (OSIDAZ, grosse.jutta@gmx.de)
VHS-Dozent*innen-Vertretung Berlin (dozvertretung-vhs-berlin@gmx.de)
VHS-Dozent*innen-Vertretung Potsdam (rosaluchs@ymail.com)

Stellungnahme eines Kollegen

» Bezüglich ihrer Aktivitäten bei der Integration präsentiert die Bundesregierung der  Öffentlichkeit von Zeit zu Zeit die Zahlen derer, die bisher das Integrationskurssystem des BAMF durchlaufen haben. Die Zahlen sagen jedoch nichts über die Inhalte oder die Effektivität der Integrationskurse aus. Dem BAMF geht es nicht im Geringsten um Qualität, sondern, wie es scheint, nur um die Legitimierung seiner selbst und der Politik der Regierung.
Sehr deutlich manifestierte sich das jüngst in der Erhöhung der maximalen Teilnehmerzahl auf 25 Personen pro Kurs. Selbst bei der früher geltenden Begrenzung auf 20 Teilnehmer pro Kurs konnte lediglich der Schein eines Erfolgs aufrecht erhalten werden. Ein solches System existiert auf Kosten der Teilnehmer und der Dozenten, zum finanziellen Nutzen der Träger und zum publizistischen Nutzen der Regierung. Ein wirkungsvoller Sprach- und Sachunterricht kann unter diesen Bedingungen freilich nicht stattfinden. «

Redebeitrag einer Kollegin

» Ich unterrichte wöchentlich 25 bis 30 (Schul-)Stunden in Alphabetisierungskursen für 2 freie Träger in Moabit und Neukölln. An den Kursen nehmen bis zu 14 Menschen teil. Der Unterricht findet fünf Mal wöchentlich statt und dauert drei bis vier Zeitstunden.
Die TeilnehmerInnen sind überwiegend Flüchtlinge aus Syrien. Einige von ihnen (vor allem die Frauen und die Kurdisch stämmigen) haben kaum Schulerfahrung. Allen ist die lateinische Schriftsprache unbekannt. Nach maximal 1200 Unterrichtstunden sollen sie in der Lage sein, sich mündlich und schriftlich im deutschen Alltag einigermaßen sicher zu verständigen und vor allem ausreichende Sprachkenntnisse für den Arbeitsmarkt zu
haben. Ist das machbar? – Ich habe einen Selbstversuch gemacht und einen Arabisch-Basis-Kurs besucht.
Obwohl Arabisch nicht meine erste Fremdsprache ist und ich es gewohnt bin, zu lernen und in abstrakten Begriffen zu denken, war ich nach 2 Kursstunden ziemlich erschöpft und nicht weiter aufnahmefähig.
Nach 3 Monaten konnte ich sagen:
Ich heiße Gabi.
Ich komme aus Deutschland.
Ich wohne in Berlin.
Wie geht es Dir?
Walhamdullilah, alles in Ordnung.
Wo ist dein Bruder?
Der Garten ist schön.
Ich möchte Falafel.
Danke.
– Meine Aussprache scheint sehr schlecht zu sein. Arabisch schreiben und lesen kann ich nach wie vor nicht, was mich nicht wundert. Laut Aussage eines Kollegen, der Alphabetisierungskurse für erwachsene deutsche Muttersprachler leitet, dauert es ca. fünf Jahre, bis die Teilnehmer einigermaßen mit der deutschen Schriftsprache vertraut sind.
In meinen Kursen beobachte ich, dass die TeilnehmerInnen am schnellsten Fortschritte machen, deren Lebensumstände einigermaßen gesichert sind, die eine Wohnung gefunden haben und die sich keine Sorgen um Familienmitglieder machen müssen, die noch in Syrien, in der Türkei oder an Grenzzäunen feststecken. Am erfolgreichsten sind die wenigen, die regelmäßige private oder berufliche Kontakte zu Deutschen haben. «