Erfahrungsbericht: Wie hat sich die Situation in den Kursen verändert?

Elke D., eine freie Dozentin berichtet

Seit 2007 unterrichte ich in Integrationskursen bei unterschiedlichen Trägern in und um Berlin. Jeder Kurs hat eine eigene Dynamik, die durch die Teilnehmer*innen (TN) und die Zusammensetzung ausgelöst wird. Träger sprechen unterschiedliche Zielgruppen an, in Bezug auf die Herkunftsländer, auf das Niveau, bzw. das Lernverhalten. Im folgenden halte ich die Tendenzen, die ich erlebt habe, fest.

Mein erster Integrationskurs 2007 richtete sich an Aussiedler*innen und Spätaussiedler*innen. Die Zusammensetzung des Kurses war durchmischt, der größte Teil der TN kam aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion, einzelne aus Kuba, der Türkei und Palästina. Die Aufenthaltsdauer der TN in Deutschland variierte von 1,5 bis 20 Jahre.

Die Gründe für den Aufenthalt in Deutschland waren individuell.

Seit 2011 unterrichtet ich Alphakurse, die aus primären und funktionalen Analphabet*innen und Zweitschriftlernenden bestehen. Die Gruppen waren durchmischt in Bezug auf Herkunft, Alter und Geschlecht und Aufenthaltsdauer in Deutschland

2015 hatte ich dann einen Kurs mit TN aus Syrien und dem Irak. Sie waren Geflüchtete, die z.T. erst 4/5 Monate in Deutschland waren. Die TN waren anfangs glücklich, angekommen zu sein und Hilfe zu bekommen. Nach Monaten im Heim unter zum Teil sehr schlechten Bedingungen und mit der Sorge um Familienangehörige und dem langen Warten auf deren Nachzug schwand die euphorische Stimmung. Der Anteil an männlichen TN überwog, es gab drei Ehepaare, also drei Frauen. Innerhalb der Kursdauer sind Familienangehörige nachgekommen und einige TN haben, meist durch horrende Provisionszahlungen, Wohnungen gefunden

Im darauffolgenden Kurs 2016/17 waren die TN ebenfalls aus Syrien und dem Irak. Hier verflog die anfängliche Begeisterung schneller: unklare Bleibechancen, kein Nachzug der Familie belastete die TN extrem und damit das Klima im Kurs. Einige TN litten (vermutlich) durch ihre aussichtslose Situation an schwerwiegenden Depressionen. Im Herkunftsland hatten sie alles verloren oder aufgeben müssen, um hierher zu kommen. Aber hier bemerkten sie dann, dass ein Einstieg in die Gesellschaft kaum möglich ist und für sie eine vergleichbare Stellung nicht erreichbar ist. Die Voraussetzungen, um hier am Arbeitsmarkt teilzuhaben, sind nur über Jahre hinweg zu erwerben, wenn man sehr gutes Sprachlerntalent besitzt und eine Ausbildung machen kann. Diese Voraussetzungen waren den TN nicht klar, da in den Herkunftsländern die Wege in den Beruf nicht nach den hiesigen Kriterien verlaufen. Für die TN im mittleren Alter im Alphakurs fast aussichtslos, und damit die Aussicht auf Familiennachzug fast hinfällig. Der Anteil an männlichen TN überwog, die Frauen waren z.T. alleinstehend.

In einem Vertretungskurs waren die TN größtenteils krank, entweder physisch oder psychisch.

Der Kurs 2018 setzte sich auch hauptsächlich aus TN aus Syrien gefolgt von Irak, Afghanistan und Benin zusammen. Die TN waren zwischen drei Monaten und acht Jahren in Deutschland, das Alter variierte von 18 bis 60 Jahre. Es waren zur Hälfte Frauen. In dem Kurs waren die Schicksale auch von Krieg und Flucht gezeichnet, die Zukunftschancen gemischt.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Stimmung in den Kursen von den Erfahrungen, der konkreten Lebenssituation und den Zukunftsperspektiven der TN abhängt. Die TN, die erst einige Monate in Deutschland leben, sind sehr viel mit bürokratischen und lebensregelnden Erledigungen beschäftigt: Jobcenter, Ausländerbehörde, Wohnungssuche, Heimsuche, Waschmaschinentermine, Arztbesuche, Schule, Kitaplatz…, was sie am regelmäßigem Besuch hindert und ihre Energien bindet. Wenn sie neu angekommen sind, sind sie motiviert, doch nachdem ihnen die Schwierigkeiten bewusst werden, mit denen sie konfrontiert sind, schlägt die Motivation oftmals in Frust, Unverständnis oder Depression um.

Der Verlust ihres Zuhauses, ihrer Arbeit und zum Teil ihrer Familie bedrückt die TN extrem.

Ein sehr wichtiger Aspekt der Situation der TN ist, dass sie in Deutschland sind, weil sie fliehen mussten und nicht, weil sie nach Deutschland kommen wollten. Die meisten der geflüchteten TN wären lieber in ihrem Herkunftsland als hier, wenn dort friedliche, geregelte Zustände herrschten.

Im Unterricht kommt es auf diese Themen zu sprechen und ich lasse die TN ihre Situation schildern, soweit es ihnen sprachlich möglich ist. In einigen Situationen ist es kaum möglich, zur Tagesordnung überzugehen, in manchen hingegen sogar gefordert, da die TN von den Sorgen abgelenkt werden wollen. Auf jeden Fall sind die aktuellen Themen virulent und bestimmen den Unterricht mit.

Die neue Sprache zu erlernen ist eine Notwendigkeit für ihr zum Teil ungewisses Leben hier in Deutschland und das Angebot, einen Sprachkurs zu besuchen, in dem sie auch noch Lesen und Schreiben lernen, wird zum größten Teil trotz der widrigen Umstände sehr dankbar angenommen.

Bei den Schicksalen vieler Teilnehmer*innen habe ich großen Respekt und Hochachtung vor der Flucht, die sie auf sich genommen haben, Eltern oft, um ihren Kindern eine Lebensperspektive zu ermöglichen, obwohl es für sie keine gibt; junge Männer, um nicht auf andere Menschen schießen zu müssen, die in der Hinsicht als Helden behandelt werden müssten. Wenn die TN erleben, dass ihnen hier nicht mit mit Respekt und Menschlichkeit begegnet wird und ihre Grundbedürfnisse nicht als gleichwertig behandelt werden, ist es beschämend und straft die freie Demokratie, in der die Würde des Menschen an erster Stelle steht und die Menschenrechte im Grundgesetz verankert sind, leider Lügen.