Stellungnahme einer Kollegin

» Nach 1260 Stunden Unterricht können primäre und funktionale Analphabeten unmöglich ausreichend alphabetisiert sein, um längere Texte auf B1-Niveau in deutscher Sprache oder auf dem Niveau des O-Kurses (politischer Orientierungskurs für den Einbürgerungstest) zu lesen, geschweige denn lösen zu können! Nur Zweitschrifterwerber sind nach intensivem Training dazu in der Lage!
Der Konkurrenzdruck der Sprachschulen verhindert eine offene Auseinandersetzung über dieses Thema! Seriös arbeitende Dozent/-innen, die mit ihren „erfolglosen“ primären und funktionalen Analphabet/-innen nicht die entsprechende Aufgabenbewältigung schaffen und deren Kurse nicht mit hauptsächlichZweitschrifterwerbern besetzt sind, gelten als unerfahrene Lehrkräfte!
Die Dozent/-innen werden vom BAMF genötigt, den primären und funktionalen Analphabet/-innen nicht nur die scheinbare Notwendigkeit dieser inakzeptablen Prüfungsbedingungen zu vermitteln, sondern bereits gewonnene Lernfortschritte und das neue Selbstbewusstsein der Kursteilnehmer/-innen zu untergraben. Nach der Verweigerung des Schulbesuches bzw. nach nur kurzem Schulbesuch im Heimatland erfahren die Teilnehmer/-innen die nächste (! ) Demütigung: Ein erfolgreicher B1- Test ist unerreichbar und der O-Kurs-Test wird zum Lotteriespiel!
Mit dem Konzept für einen bundesweiten Alphabetisierungskurs trägt das Bundesamt ebenfalls nicht den Interessen und der spezifischen Lern- und Lebenssituation von Zuwanderern mit Alphabetisierungsbedarf Rechnung. Es muss dringend für primäre und funktionale Analphabeten und in Hinblick auf das tatsächliche Lernniveau, den zeitlichen und räumlichen Rahmen (hier auch für Teilnehmer/- innen der Integrationskurse!) für das Erwerben von Lernstrategien und -fähigkeiten im Spracherwerb überarbeitet werden. «